Das habe ich am Haus der Kulturen der Welt noch nie erlebt: Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz drängen sich die Leute vor den verschlossenen Türen des Theatersaales. Nur angemeldeten Besuchern wird der Zugang gewährt, der Rest muss warten – und ich frage mich, ob da drinnen tatsächlich der Anthropologe Arjun Appadurai und die Kulturwissenschaftlerin Hito Steyerl sprechen oder ob nicht etwa gleich Sharukh Khan die Bühne stürmt und ich mich lediglich mit dem Datum oder dem Ort der Veranstaltung vertan habe. Denn auch das Publikum ist auffällig jung, trendig, die meisten im besten Alter zwischen 25 und 45 und, allem Anschein nach, Vertreter der akademischen Szene Berlins. Viele sind eigens für die Veranstaltung aus dem gesamten Bundesland angereist, wie zu einem großen Popfestival.
Es ist offensichtlich: Das Thema zieht, es ist „en vogue“ – oder wie ein Freund letztens treffend sagte, als ich mich wieder einmal darüber wunderte, dass ich doch Proust und Zola studiert habe und jetzt mein Geld mit Geschichten aus dem „Ghetto“ verdiene: Migration sells. Aber wer kauft es? Unter den gut 500 Besuchern sehe ich kaum bzw. nur wenig Leute, die sich von einer Veranstaltung zum Thema „Beyond Multiculturalism“ eigentlich angesprochen fühlen sollten, und zwar die Migranten selbst und all diejenigen, die das multikulturelle Berlin ausmachen. Wo sind sie? Und ist ihre Abwesenheit nicht ein Zeichen dafür, dass wir hierzulande weiterhin nach dem tradierten Konzept des Multikulturalismus „jede Kultur für sich“ leben?
Dass dieses Nebeneinander nicht länger ein tragfähiges Zukunftsmodell darstellen kann, verdeutlicht sodann der Intendant des Hauses, Bernd Scherer, in seiner Begrüßungsrede: Mulitkulti, das war gestern, vor zwanzig Jahren, als das Haus der Kulturen der Welt seinen Betrieb aufnahm. Und prompt geht ein Raunen durch den Saal. Das Publikum geht auf die Provokation ein, es möchte ihm diese These nicht so recht abkaufen. Denn, wie sonst könnte man unsere heutige Gesellschaft definieren, wenn nicht als multikulturell? Das zu beantworten ist die schwierige Aufgabe, die sich die Konferenz gestellt hat. Nicht ohne Grund steht ja hinter dem Titel “Beyond Multiculturalism?” ein großes Fragezeichen.
Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989, die Öffnung der Märkte und die Globalisierung haben in der Tat neue, größere Migrationsströme in Gang gesetzt. Aber was hat sich hierdurch geändert? Sind wir wirklich zusammgekommen, jetzt, wo wir doch so nah beieinander sind, wie nie zuvor? Oder haben wir uns noch mehr in unsere ganze eigene, kuschelige Parallelgesellschaft zurückgezogen? Wie haben wir uns entwickelt und wo gibt es noch Handlungsbedarf, wenn es darum geht, nachhaltige Konzepte für das Miteinander in einer globalisierten Gesellschaft zu entwerfen? Das sind die Fragen, mit denen die Konferenz eröffnet wird und die es in den folgenden Tagen zu vertiefen gilt. Der große Andrang auf die Veranstaltung zeigt: Das Thema trifft den Nerv der Zeit, zumindest bei einer unruhigen, an neuen Gesellschaftsmodellen interessierten akademischen Schicht. Der Rest ist Arbeit.

In seiner Begrüßungsrede spricht Bernd Scherer, Intendant des Hauses, von den zwei Zeiten der Multikulturalität und erklärt “Multikulti” als gesellschaftliches Konzept für passé.
Die Begrüßungsrede von Dr. Bernd Scherer

Susanne Stemmler, Initiatorin der Konferenz, wundert sich darüber, dass Migranten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen und plädiert allgemein für einen neuen Kulturbegriff.
Der Eröffnungsvortrag von Dr. Susanne Stemmler

Arjun Appadurai spricht über die Risiken des Dialogs und erklärt das Phänomen des Kosmopolitismus „von unten“.
Vortrag auf Englisch | Vortrag auf Deutsch (gedolmetscht)

Die Kulturwissenschaftlerin und Videokünstlerin Hito Steyerl schlägt in ihrem Filmvortrag die Brücke zwischen Migration, Globalisierung und Popkultur und geht auf die Gemeinsamkeiten von traditionellen Voodoo-Kulten und modernen Kunstperformances ein.
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